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Repräsentativität – Teil 4: Was es zu beachten gilt

13.02.2012 10:00
von Amit Ghosh

Journalistisch sauber herausgearbeitet wird der Unterschied zwischen Repräsentativität und Präzision in einer Meldung der Süddeutschen Zeitung mit dem Titel „FDP im Umfragetief – Zu klein für die Details“. Die Meldung thematisiert, dass viele Meinungsforschungsinstitute die FDP in Detailauswertungen nicht mehr ausweisen. Der Grund sind die aus dem historischen Umfragetief Ende 2011/Anfang 2012 resultierenden geringen Fallzahlen. Der in der Meldung zitierte Oliver Sartorius von TNS-Infratest argumentiert, dass sich bei einem Wähleranteil der FDP von 2% bei der Befragung von 1000 wahlberechtigten Personen in der Stichprobe ca. 20 FDP-Wähler finden. Werden diese wiederum gebeten, eine typische Frage nach der Zustimmung zu einer Aussage auf einer 5-stufigen Likert-Skala zu beantworten, würde das bei einer Gleichverteilung der Antworten nur noch ca. 4 Antworten pro Kategorie entsprechen. Zufällige Schwankungen können bei diesen Fallzahlen leicht eine Änderung der Häufigkeiten einer Kategorie um 25% oder 50% hervorrufen – die Ergebnisse sind aufgrund der zu geringen Präzision nicht mehr interpretierbar. Dies ist jedoch – und das wird in anderen Äußerungen zum Thema häufig verwechselt – ein Problem der Präzision und nicht der Repräsentativität. Letztere ist durch die zufällige Ziehung gewährleistet.

In der Praxis werden Sozialforscher in Zusammenhang mit der Repräsentativität mit weiteren Problemen konfrontiert:

  • Bereits erwähnt wurde, dass nur sehr wenige Verfahren den Anforderungen an eine echte Zufallsauswahl voll gerecht werden. Probleme in Zusammenhang mit dem ADM-Verfahren zur Ziehung von Telefonstichproben wurden angedeutet, dennoch gilt dieses Verfahren in der Praxis – z.T. auch wegen der mangelnden Alternativen – als etabliert.
  • Zunehmend problematisch sind bei vielen Umfragen die geringe Erreichbarkeit und die abnehmende Teilnahmebereitschaft der Merkmalsträger. Die Ausschöpfung der Stichprobe liegt bei vielen Befragungen unter 10%, was bedeutet, dass nur jede 10. Person, die in die Stichprobe gezogen wird, auch tatsächlich an der Befragung teilnimmt. Sofern der dadurch entstehende Antwortausfall („Non-response“) unsystematisch ist (sich also die Personen, die nicht teilgenommen haben, hinsichtlich der Verteilung des interessierenden Merkmals nicht systematisch von den Teilnehmern unterscheiden) hat dies keinen Einfluss auf die Repräsentativität. Diese Annahme, die in der Praxis sehr häufig angetroffen wird, lässt sich aber nur durch aufwändiges Nachfassen bei Personen, die eine Teilnahme bei der ersten Ansprache verweigert haben, überprüfen. Aus finanziellen und zeitlichen Gründen entfällt eine solche Überprüfung regelmäßig.
  • In manchen Umfragen sind die Merkmalsträger keine Personen, sondern Unternehmen. Bei solchen Befragungen kann die Grundgesamtheit dann gleichermaßen kleine Personengesellschaften wie große DAX-Konzerne mit 10.000 Mitarbeitern und mehr umfassen, die sich in ihrem Umsatz um einen Faktor von mehreren Millionen unterscheiden. In diesem Kontext geben viele den Anspruch der Repräsentativität auf und verzichten somit auf die sehr problematische Verallgemeinerung der Ergebnisse auf die heterogene Grundgesamtheit. Z.B. in Zusammenhang mit dem ifo Geschäftsklima-Index finden sich häufig Formulierungen, die sich explizit auf die 7000 befragten Unternehmen beziehen – auf eine Verallgemeinerung auf alle Unternehmen, die der Grundgesamtheit angehören, wird bewusst verzichtet.

Zusammenfassend ist Repräsentativität ein Attribut, welches vielen Stichproben zu Unrecht zugesprochen wird. Der Begriff ist keinesfalls gleichbedeutend mit Präzision (also Genauigkeit). Sinnvoll interpretier- und verallgemeinerbar sind die Ergebnisse einer Teilerhebung nur, wenn die Stichprobe repräsentativ ist und der Stichprobenumfang hinreichend groß in Bezug auf die Anforderungen an die Präzision ist. Gerade bei hohen Antwortausfällen erscheint die Annahme eines rein zufälligen Ausfallprozesses oft problematisch – eine verzerrte Stichprobe ist dann die Folge. In vielen Situationen ist es „ehrlicher“, derartige Probleme offen anzusprechen und bei der Interpretation Aussagen über die Stichprobe zu treffen und auf eine Übertragung auf die Grundgesamtheit zu verzichten.

 

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